Pepe Mujica // Film // Director's Note

Pepe Mujica Roter SternDirector's Note

Es begann mit einem Brief aus Uruguay:

„Queridos Cineastas – Liebe Filmemacher. Die Geschichte, die ihr damals gedreht habt, und die Zeit, zu der wir uns begegnet sind – beides hat sich fortgeschrieben, mit vielen Wendungen, wie es eben so ist im Leben. Heute sind es bereits 17 Tage, dass Pepe unser Land regiert. Fast auf den Tag genau vor 25 Jahren hat das uruguayische Volk die Diktatoren aus eben diesem Präsidentenpalast vertrieben. So viel Symbolik, so viel Paradoxes… Habt Ihr nicht Lust und Zeit vorbeizukommen, um die Fortsetzung unserer Geschichte zu erzählen? A sus órdenes – zu Euren Diensten, wie wir Latinos sagen – und eine Umarmung an alle, von Lucía und Pepe“

1995 haben wir einen langen Dokumentarfilm über Pepe Mujica gedreht. Uns interessierte, wie nach dem Ende der Diktatur und der Freilassung der politischen Gefangenen sich aus der ehemaligen Stadtguerilla ein politisches Parteienbündnis formierte. Und wir waren dabei, als dieses seinen ersten Abgeordneten ins Parlament schickte: Auf einem klapprigen Moped tuckerte der Bauer und Blumenzüchter Pepe Mujica zum Regierungspalast im Herzen Montevideos. Mit diesem Einstand begann seine märchenhaft anmutende politische Laufbahn, deren Anfänge wir damals in dem Filmportrait „Tupamaros“ eingefangen haben.

Wir sind über die Jahre mit Pepe und Lucía in Kontakt geblieben. Es gab Briefe, Telefonate, auch Besuche. Als Pepe als Landwirtschaftsminister Europa bereiste, schuf er zwischen zwei Stationen Zeit, um sein altes Filmteam zu sehen.

Mit „Pepe Mujica – Der Präsident“ will ich einen zweiten Blick auf unseren Protagonisten werfen. Diesen Film tragen weniger die Fragen nach dem Strom der Geschichte, die Pepe geprägt hat, als die Neugierde darauf, wie esihm in seinem Amt gelingt, sich treu zu bleiben und trotz vieler Kompromisse das Menschliche nicht aus dem Blick zu verlieren.

Der zweite Blick auf unseren Protagonisten scheint mir ruhiger und auf gewisse Weise offener geworden zu sein. Wir vertrauen der Beobachtung, dem filmischen Begleiten – beides möglich durch eine über viele Jahre gewachsene Beziehung.

Und ich ließ mich gerne überraschen von Pepes Findigkeit, aus dem strengen Protokoll auszuscheren – für ihn gleichsam ein neuer Kerker – und mit uns Zeit für ein paar Takte Tango zu finden.
Die Werkzeuge, an die sich seine Hände im Laufe seines Lebens gewöhnten, haben sich verändert. Vom Bauern zum Präsidenten. Ebenso die Accessoires, die Rituale, gar die Sprache. Mich interessierten die kleinen Fluchten, die Pepe sich schafft, um dem jungen Träumer in sich nah zu bleiben.

Der Film „Tupamaros“ endet nachdenklich. Das Bild zeigt einen erschöpften Mann, gebeugt, in der Vorhalle des Abgeordnetenhauses, leicht unscharf gedreht. Pepes Stimme klingt brüchig, hell: „Ich weiß nicht, wie lange ich dies hier noch aushalte. Es langweilt mich. Ich bin für diese Arbeit nicht geschaffen. Ich bin ein Bauer, und das werde ich immer bleiben.“

Ein paar Filmschnitte weiter. Pepe sitzt auf seinem Traktor, schmeißt das Ungetüm an. Im Off setzen sich seine Gedanken fort: „Aber bei allem, was ich im Leben tat: Den jungen Träumer in mir habe ich nie verraten.“ Dann wühlt sich der Traktor durch den furztrockenen Acker und entfernt sich mit einer Staubwolke. Darüber ein Lied, dann die Abblende.

Im zweiten Blick hat sich alles und doch nichts verändert. Pepe und Lucía wohnen immer noch auf der Chacra, ihrem bescheidenen Bauernhof. Hinter dem Haus breitet sich ein bunt leuchtender Blumenteppich aus: Kornblumen, Ringelblumen, Astern, Sonnenblumen. Jahrelang haben Pepe und Lucía einmal die Woche ihren Moped-Anhänger mit Schnittblumen beladen und sie auf dem Markt von Montevideo feilgeboten. Heute haben sie zwar helfende Hände, aber die beiden arbeiten immer noch tatkräftig auf dem Hof mit. Auch als Präsident und First Lady.

(Heidi Specogna)